Datum
16. September – 06. Dezember 2026
Installation im Rahmen der Austellung „return” im Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln
SANTU PAULU MEU FALLA GUARIRE
2‑Kanal-Videoinstallation, 2024, 14 Min.
von Anja Dreschke & Michaela Schäuble

Ausstellung RETURN | 17.09. – 6.12.2026
Rautenstrauch-Joest-Museum Köln – Kulturen der Welt
Cäcilienstraße 29–33
50667 Köln
Santu Paulu wird im apulischen Dialekt der Heilige Paulus genannt. Er ist der Schutzpatron all derer, die von Gifttieren wie Spinnen, Skorpionen und Schlangen gebissen wurden.Im süditalienischen katholischen Volksglauben wird der Heilige in Liedern angefleht, diejenigen zu heilen, die sich «wie von der Tarantel gestochen» gebärdeten. Der süditalienische Tarantismus ist ein kulturelles Phänomen, das von Medizinern im Mittelalter auch als ›Tanzwut‹ oder ›Choreomanie‹ bezeichnet wurde. Betroffen waren zumeist Frauen, deren Anfälle und Ekstasen auf den Biss einer Giftspinne zurückgeführt wurden. Heilung versprach die Pizzica (von pizzicare, jmd. zwicken), ein ursprünglich therapeutischer Tarantella-Tanz, bei der die Betroffenen auf bestimmte Melodien, Rhythmen, aber auch auf Farben reagierten und oft tagelang bis zur kompletten Erschöpfung tanzen mussten. Im 17. Jahrhundert, als die Erforschung des Phänomens einen Höhepunkt erreichte, wurde der Tarantismus gemeinhin als chorea imaginative („imaginativer Tanz”) oder chorea lasciva („spielerischer Tanz”) bezeichnet und aufgrund seiner Nähe zu dionysischen Kulten mit Hexerei in Verbindung gebracht. Bereits in den frühesten Quellen wurde die Tarantella als Tanz der Begeisterten und Besessenen beschrieben und als emotionaler, verkörperter Ausdruck von Erregungs- und Ekstasezuständen (Manie) gesehen. Seit den 1950er Jahren gibt es zahlreiche Film‑, Foto- und Tonaufnahmen des Phänomens. Heute wird der Tarantismus, der die Betroffenen einst stigmatisierte, umgedeutet und öffentlich aufgeführt. Pizzica-Musik und Tarantella-Tänze sind als Teil der lokalen Folklore Apuliens zu einer wichtigen kulturellen und ökonomischen Ressource geworden: als Touristenspektakel, als immaterielles Kulturerbe und nicht zuletzt als Strategie zur Bewältigung individueller und kollektiver Krisen. Die Installation basiert auf der mehrjährigen künstlerisch-ethnografischen Feldforschung von Anja Dreschke und Michaela Schäuble, die auf den Spuren des Tarantismus Süditalien bereist und in Archiven recherchiert haben. Sie ist Teil des kollaborativen Forschungsprojektes TARANTISM REVISITED.
Mehr Infos zu der Ausstellung: https://r‑e-t-u-r‑n.net/en